Achtsames Gehen

Gedanken-Gehen!

Das gleichmäßige Gehen gibt den Rhythmus vor. Während die Sonnenstrahlen durch das grüne Blätterdach spitzeln und die Luft die müden Lungen füllt, fallen mit jedem Schritt die Gedanken mehr und mehr ab und machen den Geist frei.

Bewegung im Freien ist gut für die körperliche Gesundheit und auch eine Wohltat für die Seele - vorausgesetzt, man lässt sich auf das ganzheitliche Erlebnis der Natur und die Trance der Schritte ein. Doch viele gehen stumpfsinnig durch die Landschaft und jagen auch in ihrer Freizeit dem ewigen „Höher, Schneller, Weiter" unserer Leistungsgesellschaft hinterher. Im Gegensatz dazu führt bewusstes Gehen nicht nur zurück zur Natur, sondern wie eine Meditation auch zum Kern des eigenen Seins.

Rausch der Schnelligkeit
Über Jahrmillionen war das Schritttempo die natürliche Höchstgeschwindigkeit des Menschen: Seit er zum ersten Mal aufrecht durch die Savanne ging, sind seine Sinne darauf programmiert, die Eindrücke aus seiner Umgebung im Takt der Füße zu erfassen und zu verarbeiten. Doch mit der Erfindung der Eisenbahn, des Autos, der Flugzeugs setzte eine zunehmende Beschleunigung des Lebens ein. Die Gesellschaft verfiel dem regelrechten Rausch der Schnelligkeit.

Die Uhr ist nicht nur Mittel zum Zweck, sondern: „Ich habe keine Zeit", ist wohl die weitverbreiteste und zu gleich schlechteste Ausrede die es gibt. Zeit ist etwas, das uns nie ausgehen wird. Die Aussage „Ich habe keine Zeit" zeigt uns jedoch, dass der Mensch wichtig ist. Hat er nämlich viel zu tun, ist er wichtiger und natürlich auch erfolgreicher als ich. So geschah es, dass der Satz gesellschaftlich anerkannt wurde und jeder der noch freie Zeit zur Verfügung hatte, wurde verächtlich, schräg und von der Seite angesehen oder bekam zusätzlich noch ordentlich Arbeit. Selbst bei Sport und Erholung gibt der Sekundenzeiger den Takt vor: Weil der moderne Mensch das Gefühl für die Grenzen des eigenen Körpers verloren hat, verlässt er sich lieber auf Pulsgurte, Schrittzähler und Apps, um Kalorienverbrauch, Muskelaufbau und Leistungskurve zu optimieren.

Sich-Gehen-lassen
Nicht nur der Körper, auch das menschliche Gehirn kann mit diesem Tempo auf Dauer nicht Schritt halten. Wer sich aber gemessenen Schrittes auf das Erleben der Natur einlässt, den erwartet eine Fülle an Vorteilen: Neben der Schönheit der Landschaft und der Vielfalt der Tierwelt verheißt bewusste Bewegung im Freien sanfte Heilung für die Seele. Demnach lindern schon kurze Aufenthalte von ca. 20 Minuten im Grünen Stress und Depressionen, stärken das Selbstwertgefühl und hellen die Stimmung nachhaltig auf. Eine kostenlose Psychotherapie und ohne Medikamente.

Doch damit nicht genug: Achtsames Gehen wirkt wie eine Meditation, die zur eigenen Mitte führt. Man befreit den Geist von allen Gedanken und Emotionen und füllt ihn nebenbei bis zum Rand mit vielen schönen Sinneseindrücken.

Das Gehen wird zu einem "Sich-Gehen-lassen". Anstelle der zielgerichteten Bewegung hin zu einem bestimmten Ort tritt das absichtslose Unterwegs-sein. Statt der spektakulären Sehenswürdigkeiten sucht man die kleinen Unscheinbarkeiten am Wegesrand. Anstelle der Etappensiege geht es um die gesamte Umgegend, die man mit offenem Auge und offenem Herzen durchschreitet und dabei in ihrer umfassenden Ganzheit erlebt.

Beginn der Philosophie
Um dies zu erreichen, wählt man am besten eine vertraute Umgegend. So entfällt sowohl die Orientierung als auch eine längere Anreise, die der Entspannung im Wege steht. Nichts soll von der Begegnung mit der Natur ablenken. Das gilt auch für die rotierenden Gedanken an Büro- Alltags- oder Beziehungsproblemen, die einen begleiten und beschäftigen.

Sind der Geist frei und die Sinne offen für die Natur, dann sieht man nicht nur mehr, sondern auch anders: Das gemächliche Gehtempo durchbricht den gewohnten Blickwinkel und ermöglicht einen neuen Zugang zu sich selbst. Ohne Zeitdruck hält man mitten im Gehen inne, um über die Details der Natur in kindlich, neugieriges Staunen zu verfallen. Die Oberfläche eines Steines, die knorrige Rinde eines Apfelbaums, der Flug eines Schmetterlings sprechen zu uns über die Wunder der Schöpfung.

Die doppelte Entdeckung
Diese vielen neuen Eindrücke entgleiten allmählich dem Kontrollzwang des Verstandes, der jedes Objekt in Wertungen, wie schön, hässlich, nützlich, unnütz, gut, schlecht einordnen möchte. Die Natur ist, was sie ist. Wir sind angekommen und sind ein Teil davon.

Diese Verbundenheit mit dem Ursprünglichen vermittelt eine tiefgreifende Ruhe, Geborgenheit und Sicherheit - ein Gefühl, das mit regelmäßiger Übung noch Tage später anhält. Die Langsamkeit, für die ansonsten kein Platz mehr scheint in unserer Gesellschaft, wird so zu einer doppelten Entdeckung: Zu einem neuen Blickwinkel sowohl auf die Natur als auch auf uns selbst.

Viel Spaß und Erfolg bei Ihrem bewussten Gehen 🙂

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